Meisterwerkstatt für Orgelbau
Elmar Krawinkel & Sohn

Die Meister der Winde

Ein Artikel aus der Zeitschrift (k) Kulturmagazin

KulturMagazin

Instrumentenbau in der Region: Der Orgelbaubetrieb von Elmar und Markus Krawinkel in Trendelburg

Kreischend bricht der Klang einer Kreißäge in die vormittägliche Ruhe von Deisel, einem Ortsteil von Trendelburg. In der Meisterwerkstatt für Orgelbau Elmar Krawinkel und Sohn laufen die Renovierungsarbeiten an einem Instrument auf Hochtouren. Mehrere Mitarbeiter sind mit der Instandsetzung einer alten englischen Orgel beschäftigt. Der Geruch von Holz, Farbe und Leder liegt in der Luft. Auf Arbeitsbänken, Tischen und Werkzeugen hat sich ein feiner Staub abgelagert.

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Holz ist wie schon zu Zeiten Gottfried Silbermanns und Arp Schnitgers noch immer einer der Hauptbestandteile, aus denen die „Königin der Instrumente“ konstruiert wird. Insbesondere Eichen- und Fichtenhölzer sind es, die dank ihrer großen Widerstandsfähigkeit den Anforderungen des Instrumentenbaus gewachsen sind. „Das Material muß Widrigkeiten wie wechselnde Luftfeuchtigkeit, schwankende Temperaturen, großen Druck und Reibung aushalten“, erklärt Markus Krawinkel. Der Juniorchef blickt nicht ohne Stolz in den Raum, in dem die imposanten Holzbretter aufbewahrt werden. Das Material bezieht der Betrieb von einem Förster aus dem nahen Reinhardswald.

Markus Krawinkel ist seit Januar 2015 Inhaber des Betriebs und damit Chef von 10 Mitarbeitern. Während seiner Ausbildung zum Elektrotechnischen Aßistenten half er in der väterlichen Firma, ölte Gehäuse und putzte Pfeifen. Die Begeisterung war geweckt. In einer Orgelmanufaktur in der Nähe von Nürnberg machte er dann seine Ausbildung und besuchte die Meisterschule in Ludwigsburg. Seit 2012 ist er Orgel- und Harmoniumbaumeister. Sein Meisterstück: eine Truhenorgel, die es ihm als kompakte Bauform besonders angetan hat.

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Ist das Holz für eines der Instrumente einmal in den Werkräumen bearbeitet, gelangt es wie alle anderen Teile auch in den Orgelsaal. In diesem Herzstück der über 1.200 Quadratmeter umfaßenden Betriebsfläche laufen alle Fäden zusammen. Bevor die Meisterwerkstatt ein Instrument in einem Kirchenraum aufbaut, kann es noch vor Ort überprüft werden − keineswegs Standard in den geschätzten 170 Orgelbauwerkstätten Deutschlands.

Die englische Orgel wiegt mit ihren zwei Manualen, dem Pedal, dem Windwerk und der feingliedrigen Traktur etwa so viel wie ein Kleintransporter. Dabei erinnert das Instrument in seinem jetzigen Zustand ohne Pfeifen und Verkleidung an ein monströses Skelett aus der prä-digitalen Vorzeit. Mehrere Dutzend dünner Holzbretter, die Abstrakten, laufen von Manualen und Pedal in Richtung des Inneren. Wird eine Taste niedergedrückt und ist ein Register gezogen, so sorgen die Abstrakten dafür, daß sich Ventile in der sogenannten Schleiflade öffnen und die Luft durch die Pfeifen strömen kann. „Im Fachjargon nennen wir diese Luft Wind, und ohne den gibt es natürlich keinen einzigen Ton.“ Markus Krawinkel berührt den knüppelartigen Holzgriff auf der Rückseite. Der dazugehörige Magazinbalg ist gerade ausgebaut. „Im Zuge der überarbeitung bekommt die Orgel nicht nur ein weiteres Pedalregister, sondern endlich auch einen Motor, damit sich hier niemand mehr abrackern muß“, lacht der 29-Jährige.

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Überhaupt ist es die Kleinteiligkeit, die beim Besuch in der Orgelbauwerkstatt immer wieder ins Auge fällt. Mit dem sicheren und schnellen Schritt desjenigen, der die Wege hundertmal in der Woche läuft, führt Markus Krawinkel durch die zahllosen Gänge, Regale und Nischen des Betriebs. Hier lagern Schrauben, Filz, Papier, aber auch jede Menge Elektronikkleinteile − etwa die Registerzugmotoren aus den 60er-Jahren, die heute längst überholt sind.

Der Orgelbau gehört zu den ältesten Instrumentenbauberufen überhaupt. Technikgeschichte und ästhetik jeder Epoche spiegeln sich in ihm immer wieder aufs Neue. Vor über 2.200 Jahren wurde das grundlegende Prinzip in Alexandrien entwickelt. Seit etwa Mitte des 14. Jahrhunderts setzten dann Mönche die Orgel als Ergänzung zu ihrem Choralgesang ein. Der Barock war die Hochzeit der Orgelbauer, die noch heute ähnlich wie Komponisten jede fertiggestellte Arbeit als „Opus“ bezeichnen, und nach dem zeitweiligen Siegeszug des Klaviers rückte die spätromantische Vorliebe für wuchtigen und facettenreichen Klang das Instrument wieder in den Vordergrund. In den 1960er- und 1970er-Jahren experimentierte Mauricio Kagel mit dem Orgelklang. Während sich die Hammond B3 in Pop und Rock etablierte, hielten auch im klaßischen Orgelbau Kunststoffe und Elektronik Einzug.

Markus Krawinkel erläutert am Modell die Funktion einer SchleifladeMarkus Krawinkel erläutert am Modell die Funktion einer Schleiflade

Ungefähr in dieser Zeit billigte Elmar Krawinkels Vater den Berufswunsch seines Sohnes mit den Worten: „Orgelbau kannst du lernen − Kirchen haben immer Geld.“ Durch einen orgelvernarrten Bekannten aus dem Musikzug hatte sich der damals 15-Jährige aus Höxter für das Handwerk begeistert. „Gegenüber anderen Berufen hat man immer etwas für das Ohr, muß künstlerischen Individualismus und musikalische Fachkenntnis einbringen“, schwärmt er heute. „Mein größter Wunsch war es schon früh, mich als Meister selbstständig zu machen.“

Fünf Jahre nach der Prüfung 1989/90 ergab sich die Chance, die traditionsreiche Werkstatt Euler in Hofgeismar weiterzuführen. Krawinkel griff zu, auch wenn unternehmerische Entscheidungen ihm nie besonders leicht fielen. „Man kann nur so viel investieren, wie die Firma Rückhalt bietet“, ist der 57-Jährige überzeugt. „Es gab natürlich mehrere Hochs und Tiefs, oft habe ich bis zu 13 Stunden am Tag gearbeitet.“ Im Jahr 2000 reichte der Platz einfach nicht mehr aus, und die Firma zog in die ehemalige Tischlerei in Deisel. Ein weiterer Traum − der Orgelsaal − ging für Elmar Krawinkel in Erfüllung. Heute betreut er Orgeln in Kurheßen-Waldeck, rund um Hannover, in der Diözese Paderborn und im Rheinland. Seit fünf Jahren gibt es zudem eine eindrucksvolle Halle zum Einlagern mehrerer ganzer Orgeln auf dem eigenen Gelände.

Elmar KrawinkelElmar Krawinkel

Ein besonderes Instrument, das hier steht, wird in Kürze in der Kirche Groß St. Martin in Köln wiederaufgebaut. Durchschnittlich verbringt eine Orgel sechs Monate im Betrieb, doch richtet sich das natürlich nach den Anforderungen der Restaurierung. Durch die Instandsetzung kann es vorkommen, daß ein Instrument gut das Fünfzehnfache seines Werts gewinnt.

Markus Krawinkel führt am imposanten Kölner Koloß vorbei und erst zu einem Stapel hünenhafter Holzpfeifen: „ein englisches Register aus einer Internetauktion, das wir nach der Ersteigerung selbst abgeholt haben“. Dann geht es eine schmale Treppe hinauf. Unter dem Plexiglashallendach lagern Pfeifen in allen Größen und Formen, soweit das Auge reicht. Neben deutschen sind es vor allem englische Pfeifen, von denen einige eine skurrile Schneckenform aufweisen.

An der Zusammensetzung einer metallenen Orgelpfeife − der Mischung aus Blei und Zinn − hat sich bis heute kaum etwas verändert. Die kleinsten Exemplare laßen sich bequem in die Hand nehmen, die größten erinnern an meterlange Dampferschlote. Auch wenn die Orgelbauwerkstatt in Deisel die Pfeifen nicht selbst fertigt, so werden sie hier gereinigt, rundgemacht und gestimmt. „Der Intonateur haucht den Pfeifen ihre Seele ein und bestimmt ihren Charakter“, sagt Markus Krawinkel. „Jede Pfeife und damit auch jede Orgel ist ein absolutes Unikat.“ Die spiegelnden Prospektpfeifen oder die schillernde Facetten der Ziselierpfeifen beweisen zudem, daß es manchmal nicht nur um den Klang, sondern auch ums Außehen geht.

Auf einen kurzen Kaffee treffen sich Vater und Sohn im Büro, in dem es ein Sichtfenster hinunter in den Orgelsaal gibt. Durch das andere Fenster blickt man hinaus ins Grüne. „Am meisten habe ich technisches Wißen und Zeichnen von ihm gelernt“, meint Markus ernst und grinst dann. „Ansonsten sehe ich es sportlich, den eigenen Vater jetzt als Mitarbeiter zu beschäftigen.“ Beide müßen lachen. „Natürlich zoffen wir uns manchmal“, gibt der Ältere schließlich zu, und spontan entflammt ein kleines Wortgefecht um eine Orgel irgendwo auf dem Lande. „Ich sehe es so: Ich gehe bei Neuerungen ein Risiko ein, aber er muß es schließlich ausbaden. Und gerade im offenen und freundlichen Umgang mit unseren Kunden ist mein Sohn unschlagbar.“ Wie im Orgelbau sieben Meisterberufe zusammenarbeiten, so ist auch zwischen Vater und Sohn Krawinkel neben Sachkenntnis vor allem eins wichtig: Teamwork.

Text: Felix Werthschulte
www.werthschulte.info
Fotos: Heiko Schimmelpfeng
www.verlagfaste.de/kulturmagazin
Quelle: (k) KulturMagazin 208, März 2015, Kassel


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